Aktiendämmerung?

Chinas Börsenkrise und Zweifel an seiner Wirtschaftskraft, die zermürbende Diskussion über die US-Leitzinswende, eine sich zuletzt abschwächende Konsumstimmung in Deutschland, eine sprunghaft angestiegene Volatilität = Verunsicherung lassen ein Sommermärchen bei Aktien nicht zu. Selbst die seit Mitte 2012 laufende Liquiditätshausse ist als Breitbandantibiotikum gegen Krisen offensichtlich auch nicht über jeden Zweifel erhaben. Haben wir es also mit einem nachhaltigen Strukturbruch an den Aktienmärkten zu tun? Müssen wir uns auf weiteres Ungemach einstellen?

China – Vom Hero zum Zero?

Lange Jahre galt China als Jungbrunnen für die Weltwirtschaft. Das Land der Mitte hat unsere deutsche Exportindustrie gut durch die Zeit der Euro- bzw. Russlandkrise gebracht. Doch zeigen sich mittlerweile mehr und mehr Risse in dieser makellos schönen Wirtschaftsfassade. Und diese neue nüchterne Einschätzung müssen die Anleger erst einmal verdauen. Der chinesische Immobilienmarkt hat seine besten Zeiten hinter sich und aufgrund fallender Aktien der Marke „Einstürzende Neubauten“ bekommen auch Chinas Anleger einen Geschmack vom früheren deutschen Neuen Markt. Und wer über Immobilien und Aktien einen nachhaltig negativen Vermögenseffekt erleidet, wird in seiner Konsum- und Investitionsneigung sicherlich nicht so tun als wäre nichts passiert. Bereits jetzt steht beim chinesischen Wirtschaftswachstum – wenn man es nach westlichen Maßstäben messen würde – schon längst nicht mehr die Sieben, sondern eher die Vier vor dem Komma. China ist in der schnöden volkswirtschaftlichen Realität angekommen. Und dieser Effekt streut: Gemeinsam mit China sitzen die asiatischen Handelspartner in einem Boot und haben bereits nasse Füße bekommen.

Janet Yellen: Von der Mutti zur Stiefmutter

Für Aktienanleger ist ebenso die Verbalerotik der US-Notenbank schwer verdaulich. Lange Zeit hatte Frau Janet Yellen bei mir einen dicken Stein im Brett, weil sie sich mit einer behutsamen Geldpolitik um die Konjunktur in Amerika und in der Welt verdient gemacht hat. Ja, ich habe sie oft als Mutti von Amerika bezeichnet. Mittlerweile lässt sie jedoch mit ihrer planlosen „Ich erhöhe die Zinsen, ich erhöhe sie nicht-Politik“ Muttergefühle vermissen. Sie irritiert ihre Lieben. Die Fed zeigt Schwächen, wo dringend Stärken gefragt sind. Die US-Notenbank ist nicht irgendein Karnickelzuchtverein, sondern die maßgebliche Institution unserer Finanzwelt. Wenn schon die Fed in turbulenten Zeiten wie diesen schwankt wie ein Schiff auf hoher See, darf man sich nicht wundern, wenn die US-Aktienmärkte seekrank werden.

Liebe Janet, lass die Hände weg von der US-Leitzinswende. Es gibt keinen Grund dafür. Inflation ist kein Thema. Und die vielen Jobs im Bereich Fast Food oder Vergnügungsparks sind eben keine Facharbeiterpositionen. Die quantitative amerikanische Beschäftigungsstatistik muss dringend um eine qualitative Komponente ergänzt werden.

Auch ist das Volumen der Wertpapierkredite an der New Yorker Börse weit größer als zur Hochzeit der Dotcom- bzw. Immobilienblase. Was passiert, wenn Zinsen steigen, ist doch klar: Die teurer werdenden Kredite werden mit erzwungenen Verkäufen von Aktien zurückgeführt. Sinkende Aktienkurse steigern die US-Konsumstimmung gewiss nicht.

Und auf die Spendierlaune von Peter, Paul and Mary würde die erste US-Zinserhöhung seit fast einem Jahrzehnt sicherlich so wirken wie das Verdünnen einer „stimmungsfreudigen“ Bowle mit viel Selters.

Der Zinswecker der Fed schreckt auch Asien auf

Steigende Zinsen würden außerdem zu höheren US-Kreditzinsen, einem teureren Dollar und damit schwächeren US-Exporten führen. Auch würde ein aufwertender US-Dollar die wirtschaftsschädliche Kapitalflucht aus den Emerging Markets verstärken. Höhere US-Anlagezinsen und die Aussicht auf Dollar-Währungsgewinne sind eine willkommene Alternative zur Anlagesituation in Asien. Ein damit weiter aufwertender Dollar würde Schwellenländern die Bedienung ihrer mehrheitlich auf US-Dollar-Basis aufgenommenen Kredite zusätzlich erschweren. Nicht zuletzt führt ein starker US-Dollar zu schwachen Rohstoffpreisen, damit zu sinkenden Staatseinnahmen und schließlich einer schwachen Kaufkraft der Rohstoffländer zulasten der Weltwirtschaft. Bei Öl betreibt Saudi-Arabien ohnehin schon einen gewaltigen Sommerschlussverkauf.

Sollten sich die Schwellenländer diesem Währungsschicksal schließlich ergeben und in ihrer Not diesen Prozess zur Förderung der eigenen Exportfähigkeit durch Währungs-Dumping sogar noch verstärken, kommt es unweigerlich zu einem Währungsabwertungskrieg zunächst der asiatischen und später auch westlicher Handelsnationen.

Einem weltweiten Deflationsszenario wären Tür und Tor geöffnet. Janet Yellen muss den Zinswecker ausstellen, zumindest bis die China-Böller aufgehört haben, zu knallen.

Selbst China wird zum geldpolitischen Sündenfall

Während die Fed sich nicht bewegen darf, muss die Notenbank in China zu einem wahren geldpolitischen Bewegungswunder werden. Sie mag sich offiziell zwar noch gegen eine zügellose, lasterhafte Notenbankpolitik wie die der Fed, der EZB oder der Bank of Japan sträuben. Aber der Finanzmarkt wird sie dazu zwingen bzw. hat es bereits getan: Die Leitzinsen und die Anforderungen für die Mindestreservehaltung der chinesischen Banken wurden erneut gesenkt. Da wird es munter weitergehen. Und falls die Finanzmärkte in China weiter crashen und das Risiko schwerer realwirtschaftlicher und sozialpolitischer Schäden droht, wird die People’s Bank of China natürlich notleidende Kredite und ebenso über staatliche Pensionsfonds massenhaft Aktien aufkaufen lassen. In der konjunkturellen Not frisst man auch in China geldpolitische Fliegen, um nicht das zweite Japan zu werden.

Die Notenbanken müssen wieder die Lufthoheit über den Börsen-Stammtischen erringen

Insgesamt hat die Geldpolitik gar keine Wahl. Die internationale Bruder- bzw. Schwesternschaft des billigen und üppigen Geldes muss das verunsicherte Kopfkino der Anleger wieder in den Griff bekommen, damit aus einer finanzwirtschaftlichen Mücke kein die Weltwirtschaft zertrampelnder Elefant wird. Zur Erinnerung: Die Pleite der Lehman-Bank allein betrachtet war zwar nicht schlimm. Schlimm waren erst die anschließenden Kollateralschäden. Das Portemonnaie wurde zugenagelt, es wurde nicht konsumiert und investiert, weder in die Finanz- noch in die Realmärkte. Die Notenbanken hüben wie drüben müssten mit der Muffe gepufft sein, wenn sie diese Gefahr nicht offensiv bekämpften. Sie werden sich daran erinnern, wie mühsam es war, nach dem Platzen der Immobilienblase gegen die weltweit negative Stimmung von Anlegern, Konsumenten und Investoren anzustinken. Wir sind keine programmierbaren Maschinen. Wenn es hart auf hart kommt, verstecken wir uns wie das scheue Reh im Wald und kommen erst dann wieder heraus, wenn die Luft rein ist. Bis dahin allerdings kann die Wirtschaft längst am Boden liegen. Noch einmal halten wir so etwas nicht aus.

Und was sollen die Anleger nun tun?

Mir ist es lieber, die Aktienmärkte toben sich jetzt als später im Herbst aus. Vorerst wird die Schwankungsbreite bei Aktien hoch bleiben. Doch wird die internationale Geldpolitik einen nachhaltigen Bärenmarkt verhindern (müssen). Ihre langjährige Allmacht in der Finanzwelt kann sie nicht durch plötzliche Impotenz ersetzen. Das wäre so, als würde man bei einem Schwerkranken die Lebenserhaltungsmaschinen abschalten. Die geldpolitische Illusion muss aufrecht gehalten werden. Das mag wie ein Stoßgebet klingen. Aber der Wunsch nach einer Rückkehr zur geldpolitischen Normalität entspricht dem illusorischen Wunsch „Man müsste noch mal 20 sein“.

Überhaupt, die fundamentale Lage in der Eurozone – das zeigen die letzten ifo-Zahlen und die Einkaufsmanagerindices auf nationaler EU-Ebene – ist stabiler als man mit Blick auf die verunsicherten Aktienmärkte annehmen könnte. Interessanterweise wird von den globalen Investoren Deutschland und die Eurozone zurzeit als vergleichsweise stabil betrachtet. Aus den negativen Schlagzeilen mit Griechenland sind wir – einstweilen – etwas heraus. Außerdem hat Europa aufgrund der Euro-Krise konjunkturelles Nachholpotenzial und eine der Konjunkturstützung verpflichtete EZB unter ihrem Captain Future Mario Draghi. Aus Exportsicht ist der Euro im Vorjahresverglich günstig und zumindest uns hilft der schwache Ölpreis. Die Chancen, dass Anlagegelder den Weg von Amerika und Asien nach Europa finden, sind gut. Auch hiesige Investoren bringen das Anlagegeld wieder nach Hause.

Anleger sollten ihre regelmäßigen Aktienansparpläne unbedingt weiterführen oder damit beginnen. Immerhin bekommen sie bei schwächeren Kursen für den gleichen Euro-Anteil mehr Aktienanteile. Im Übrigen kann man die Aktienbestände mit Teilschutzzertifikaten, die aufgrund der dramatisch gestiegenen Kursschwankungen günstige Konditionen bieten, gut absichern.

Grundsätzlich glaube ich, dass wir uns wieder Kaufkursen nähern. Ich rechne nicht mit einem langen Abwärtstrend wie z.B. nach der Dotcom-Krise. Heutzutage arbeiten Aktienmärkte Konsolidierungen dank der Geldpolitik deutlich zügiger ab als früher. Und die Zinsmärkte bleiben eins: Unattraktiv.
Aus der geldpolitischen Rettungsnummer kommen wir nie mehr heraus. Die Liquiditätshausse ist gezwungenermaßen nicht vorbei. Bleiben Sie Aktien treu!

RobertHalverEin Beitrag von Robert Halver.

Robert Halver ist Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG. Das Haus mit Sitz in Unterschleißheim bei München ist eine der führenden Investmentbanken in Deutschland und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten. Halver beschäftigt sich seit 1990 mit Wertpapieren und Anlagestrategien.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: http://www.bondboard.de/main/pages/index/p/128

Bildquelle: Baader Bank / meineprivatenfinanzen.de

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